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15.08.2018 IT Finanzmagazin

Pro und Contra: Zum FinTech wechseln oder bei traditionellen Banken bleiben?

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von Andreas Krischke

Als IT-Manager eines Finanzdienstleisters hatte man eigentlich nie eine sehr dankbare Aufgabe. Obwohl jedes Geschäftsmodell eines Finanzdienstleisters eng mit der IT verknüpft war und ist, wurde dem Ressort nie die Aufmerksamkeit zuteil. Es hatte in der Finanzindustrie im Vergleich zu anderen Branchen eine geringere Durchsetzungspower. Die sachliche Betrachtung der Chancen und Risiken.

Seitdem die Erträge aus dem Investmentbanking nicht mehr so sprudeln und Kosteneinsparungen durch Digitalisierung in den Vorstandsitzungen das dominierende Thema ist, könnte man annehmen, dass Goldgräberstimmung in den IT-Abteilungen vorherrscht. Oberflächlich wird dieser Eindruck von Personen, mit denen wir sprechen, widergespiegelt.

Wenn man aber tiefer nachfragt, kommen die Altlasten wieder hoch: In einer heterogenen Infrastruktur, mit überalterten Systemen und kaum lösbaren Schnittstellenthemen lassen sich Innovationen und schlanke und automatisierte Prozesse kaum umsetzen. Zwar suchen die Bankkonzerne für ihre Digitalstrategien in Innovation-Labs oder Inkubatoren neben Kreativen, Produktentwicklern und Vertriebsfachleuten dringend IT-Kompetenz. Nicht selten liebäugeln die IT-Experten in den Banken aber damit, ein völlig neues System in kleinen unabhängigen Einheiten auf der grünen Wiese aufbauen zu können – mit einem hohen Freiheitsgrad.

Neidisch und neugierig schaut man auf die FinTech Start-Ups. Doch ist die Welt dort wirklich ganz anders? Ist sie besser?

Begeisterung allein reicht nicht

Wenn wir mit IT-Managern bei FinTechs sprechen, ist es für uns beeindruckend, mit welcher Überzeugung und Enthusiasmus sie ihr Geschäftsmodell präsentieren und keine Zweifel haben, dass ihr Unternehmen die Finanzwelt nachhaltig verbessert. Ganz im Silicon-Valley-Stil, sieht man sich als die „Guten“. Und diese Begeisterung hat ohne Zweifel etwas Anziehendes auf Bankangestellte, die seit nun mehr als zehn Jahre gefühlt in der Defensive sind und tagtäglich ihr traditionelles Geschäftsmodell verteidigen müssen. Ihre Augen leuchten, wenn sie erzählen, wie schnell Ideen technisch – wenn auch im ersten Schritt nur als Prototyp – umgesetzt werden.

Im Vier-Augen-Gespräch gibt es manchmal aber auch kritische Stimmen: Der von außen vermutete Automatisierungsgrad sei doch nicht allzu hoch, vor allem im B2B-Geschäft. Wenn das stimmt, ist dies essenziell für das Unternehmen. Die Gewinnzone kann nur dann erreicht werden, wenn das Modell kosteneffizient skalierbar ist.

Gewisse Strukturen braucht jedes Unternehmen

Kulturell werden Klischees häufig positiv übererfüllt: Der Tischkicker ist vorhanden, die Krawatte bleibt zu Hause, alle duzen sich und man darf auch gerne mit dem Skatebord kommen. Aber es gibt auch andere Punkte, die bei einem Wechsel zum FinTech zu beachten sind.

Im Erfolgsfall bedingt das schnelle personelle Wachstum, Strukturen zu schaffen, Prozesse zu etablieren und Verantwortung zu übernehmen. Hier besteht häufig Nachholbedarf. Auch die Etablierung einer funktionierenden zweiten Führungsebene, die eigenständig entscheiden darf, ist bei inhabergeführten Unternehmen oftmals kein Selbstläufer. Im schnellen Wachstum gehen häufig geliebte Annehmlichkeiten verloren: Die Hipster-Brause und der große Obstteller lassen sich ab einer gewissen Größenordnung nicht mehr darstellen.

Umso schwieriger wird das, wenn die Firma noch nicht in der Gewinnzone ist. Das anfängliche Familiengefühl kann schnell verloren gehen. Die Herausforderung des Managements ist es, loyale Mitarbeiter hierbei abzuholen und einzubinden.

Mut wird belohnt

So gut eine Geschäftsidee sein mag und so prominent die Gründer oder Investoren auch sein mögen: Es sollte jedem klar sein, dass sich am Ende pro Geschäftsfeld nur ein bis zwei Spieler durchsetzen werden.

Im Umkehrschluss bedeutet dies: Die anderen scheitern oder werden übernommen. In der FinTech-Welt ist das keine Schande.

Mit der gesammelten Erfahrung kann man sofort in einem anderen Unternehmen beginnen. Diese Risikobereitschaft und Flexibilität sollte man aber mitbringen, bevor man mit Frau oder Mann und zwei Kindern nach Berlin zieht. Auch wenn wir noch vergleichsweise wenig Präzedenzfälle beobachten, sehen wir den Weg zurück zur Bank generell optimistisch. Also werden Mut und Aufbruchsstimmung nicht bestraft, sondern eher am Markt – auch der klassischen Banken und Finanzdienstleister – honoriert.

Gehaltsverhandlungen gut vorbereiten

Was verdient ein IT-Manager bei einem FinTech? Das Fixgehalt ist immer ein Thema und ein zähes Ringen, solange das Unternehmen noch nicht in der Gewinnzone ist. Das wird in den ersten Gesprächen aber so nicht zwingend kommuniziert.

Das Management wirbt mit dem Beteiligungsmodell, dem sogenannten ESOP Employee Stock Ownership Plan. Diesen sollte man sich aber genauestens ansehen und reflektieren, ob das individuell interessant ist.

Wir kennen einige Kandidaten, die hier aufgrund von Euphorie, in einem FinTech tätig werden zu dürfen, nicht genau hingesehen und sich später über sich selbst geärgert haben: „Nichts Halbes und nichts Ganzes“. Im Nachhinein wären einige bereit gewesen, sogar mehr ins Risiko zu gehen und auf Fix-Gehalt zu verzichten, wenn sie echte Anteile hätten erwerben können. Letztendlich muss hier jeder selbst entscheiden, inwieweit er wirklich Unternehmer sein möchte.

Spannend ist das Timing: Kurz nach einer neuen Finanzierungsrunde sind die Gehaltsverhandlungen üblicherweise einfacher. Und natürlich legt man mit prominenten Einstellungen auch den Grundstein für die nächste Finanzierungsrunde.

Für Risikoaverse gibt es aber dennoch nur die Alternative: In ein FinTech zu wechseln, das die Gewinnzone bereits erreicht hat. Dann ist die Chance, das Beste aus beiden Welten zu verbinden, sicherlich am größten.

Der Artikel erschien am 10. August 2018 im IT Finanzmagazin

 

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